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Gespielte Naivität
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In der Danksagung seines Buches behauptet Volker Zastrow, dass er eigentlich eine Heldengeschichte erzählen wollte, nämlich das Märchen von vier SPD-Übermenschen, die tapfer ihre politsche Existenz aufs Spiel gesetzt hatten, um den "Wahlbetrug" der bösen Anti-Heldin Andrea Ypsilanti zu verhindern. Im Lauf der ausführlichen Recherchen entpuppte sich jeder der vier Figuren - wer hätte das gedacht? - als ganz normale Person mit ihren Macken und ihren spezifischen Eitelkeiten. Aus der Heldengeschichte ist also nichts geworden. Soll man Zastrow, dem Politik-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wirklich abnehmen, dass er mit einer so wahnwitzigen Naivität an die Sache herangegangen ist? Wohl kaum. Dennoch vermag das 400seitige Ergebnis hin und wieder zu überraschen. Stilistisch verliert es sich zwar häufig in überflüssigen Details - anstrengend sind mitunter die vielen Anekdötchen von Parteimitgliedern, Kleinstadtbürgermeistern oder Jusovertretern, die von Zastrow dazu gebraucht werden, um seine These von der sich vom Volk entfremdenden Sozialdemokratie zu untermauern. Eigenartig kommen auch die schulbuchartigen Erläuterungen zum politischen System Deutschlands daher, wie etwa der Exkurs zum Dilemma des "Fraktionszwangs" der Abgeordneten, die doch im Grunde nur ihrem Gewissen verpflichtet sind. Manche Lebensgeschichten sind allzu ausschweifend geraten, wie etwa die der Darmstädter Familie Metzger, in die eine der Protagonistinnen ja nur eingeheiratet hat. Als Leser wünscht man sich zudem, dass Zastrow so manchen bildhaften Vergleich - wie etwa dem des "Knoblauchgeruchs" von Franz Walter - nicht so inflationär häufig benutzt hätte. Doch trotz dieser literarischen Banalitäten ist ein interessantes Sittenbild der Volkspartei SPD herausgekommen. Oder soll man es lieber Unsittenbild nennen? Eitelkeiten, Machtspielchen und Intrigen: all das hat zu einem destruktiven Verfall beigesteuert, wie man ihn bei der CDU, der FDP und den Grünen wohl genauso beschreiben könnte. Ganz zu schweigen von der Linken, die dem Autor nur allzu ideologisch als Feindbild dient. Interessant wäre jedoch zu erfahren, welche Rolle Journalisten wie Zastrow in diesem Spiel einnehmen. Diesen Teil hat der Autor wohlweislich ausgespart. So naiv und unbefangen, wie er sich gibt - wer möchte das ihm und seinen Kollegen eigentlich noch länger abnehmen?
Eine Rezension von Axel Krämer > Berlin
vom 20. Oktober 2009 |