Ohne Rachegelüste
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Stumme Gewalt: Nachdenken über die RAF (Gebundene Ausgabe) Carolin Emcke ist Journalistin und berichtet häufig aus Kriegsgebieten. In "Stumme Gewalt" schreibt sie über die Ermordung des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, durch die RAF 1989, mit dem sie eng befreundet war.

Sie empfindet die fehlende Möglichkeit einer Kommunikation mit den Tätern mit als das Schmerzhafteste. Der Essay stellt ihr Erleben dieses Verlustes eines Freundes dar und plädiert dafür, allen Tätern der RAF Amnestie zu gewähren, um ihnen so ein öffentliches Gespräch über ihre Taten zu ermöglichen. Nur so könne den Angehörigen der Opfer geholfen werden. Für die Täter wäre ein solches Gespräch zugleich Strafe und Erleichterung, da auch sie - wie jeder Mensch - einer Narration über ihr Leben bedürften, die ihnen bisher nicht möglich ist.

Anlass, nach 18 Jahren über dieses Thema zu schreiben, war, wie Emke in einem Interview sagte, die Diskussion über eine mögliche Begnadigung von Christian Klar und Birgit Hogefeld 2007. Dass in der öffentlichen Diskussion die Möglichkeit, dass die Täter sich inzwischen geändert haben könnten, nicht vorkam, habe sie als unsittlich empfunden. Das Buch enthält lauter Zweifel der Autorin, formuliert in zahlreichen Fragen. Ist es richtig, sich zu diesem politischen Thema als Betroffene zu äußern, könnte ein Gespräch mit den Tätern tatsächlich zustande kommen, würde es von den Medien demagogisch verzerrt, was, wenn dann Informationen bekannt würden, die uns sehr verstören würden? Die Beweggründe der RAF, die Geschichte ihrer Taten und ihrer vielfach misslungenen Aufklärung, die öffentliche Diskussion und der heutige Verbleib der Täter werden reflektiert. In zwei Nachworten lotet zum einen der ehemalige Vorsitzende des Bundesverfassungsgerichts Winfried Hassemer die Realisierungsmöglichkeiten des vorgeschlagenen Gesprächs-"Forums für Aufklärung" aus und sieht hier durchaus Chancen, und der Politologe Wolfgang Kraushaar rekapituliert die bisherige Aufklärungsarbeit und das heutige Verhalten damaliger RAF-Mitglieder. Er ist skeptischer.

Das Thema des Buchs geht eigentlich über die RAF hinaus. In allgemeinerem Sinne geht es um die Lehren, die aus dem Nationalsozialismus zu ziehen sind, um die Legitimität von Widerstand und das Wesen des Politischen, um die Möglichkeit zum Umgang mit Konflikten und terroristischen Bedrohungen, den "Fetisch" Sicherheit, den Sinn oder Unsinn von Strafe und Rache. Der Autorin geht es darum, die Entstehungsgründe kultureller, ästhetischer oder wirtschaftlicher Konflikte zu erfragen, statt sie unter vordergründigen Erklärung wie z.B. Religionsunterschieden zuzudecken.

Das Buch liest sich an einem Tag und ist überaus spannend und lehrreich.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 4. August 2008
Kundenrezensionen:
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