Die Machtfrage: Ansichten eines Nichtwählers
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Thema verfehlt
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Auf 196 Seiten versucht der Autor, die Erschlaffung und Erstarrung der Parteien darzustellen, aber es kommt keine zwingende Logik in Fahrt. Als Leser hat man das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Die bemühten Analogien, die teilweise schon Stilblütenqualität haben, sind ärgerlich, weil als Wiederholung von einer gerade im Satz zuvor gemachten einfachen Aussage nur Ballast, anstatt weitere Erhellung oder Verdeutlichung zu liefern. Eine dynamische Argumentationslinie die den Leser in das Thema hineinziehen soll, sucht man vergeblich. Die Argumente beruhen auf Annahmen und Schlussfolgerungen, dass bei einem gesunden Menschenverstand der Kopf vor Fragezeichen raucht.

Pauschal zu behaupten, dass die Nichtwähler die besseren und klügeren Demokraten wären ohne diejenigen Nichtwähler überhaupt zu erwähnen, die z.B. aus simpler Interesselosigkeit nicht wählen, ist eine grobe Auslassung; mit grösster Wahrscheinlichkeit trifft nur eine winzige Minderheit aus der Gruppe der Nichtwähler diese bewusste Entscheidung, wobei Gründe dafür und dagegen im Buch gar nicht diskutiert werden. Es gibt keine Abwägung zwischen einerseits und andererseits (typisch SPIEGEL-schwarzweiß), jede Aussage muss reinhauen, durchaus auf Kosten der Wahrheitsgehaltes. Das ist kein Futter für gute Demokraten, wie sie der Autor pathetisch und irgendwie weinerlich beschwört.

Derart einseitig und unvollständig informierte Bürger würden Volksabstimmung, wie sie der Autor vermehrt und auch auf Bundesebene fordert, zum russischen Roulette werden lassen. Jeder weiss doch, dass der notorisch unzufriedene und schlecht informierte Teil der Franzosen und Niederländer nicht über die europäische Verfassung abgestimmt hat, sondern ihren jeweiligen Regierungen eins auswischen wollte. Da muss die politische Bildung ganz gewaltig und systematisch zulegen und die Verfahren zur Volksabstimmung müssen ausgeklügelt werden wie ein Computerprogramm.

Nach diesen 196 Seiten hat der Leser immer noch keine Ahnung von den Ansichten eines Nichtwählers und vor allem weiss er noch nicht, was gegen die so langwierig eingekreiste Misere als Gegenmittel vorgeschlagen wird. Aber das kommt jetzt - auf sage und schreibe ACHT Seiten! War da keine Zeit mehr oder fehlt einfach der analytische Verstand oder der konstruktive Wille? Die Streitfrage von Vor- und Nachteilen Mehrheitswahlrecht gegenüber Verhältniswahlrecht ist nicht so leicht zu beantworten wie das der Autor schnell auf einer Seite abhandelt, wiederum ohne jegliches Für und Wider.

Erst die Danksagung des Autors macht einen gediegenen Eindruck, als wäre das wirklich ein gutes und wichtiges Buch - man reibt sich die Augen. Mit der Polemik des Autors gesagt: Dieses Buch ist eher ein Indiz für den Niedergang journalistischer Qualität als dass es den Niedergang der demokratischen Kultur belegen würde. Aber ich weiss doch, es gibt viele kluge politische Bücher, manche auch von Journalisten geschrieben.
Eine Rezension von Rudolf Linner > Seeon, Bayern
vom 5. April 2010
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