Gestatten: Elite: Auf den Spuren der Mächtigen von morgen
von



 
Ausgezeichnet, frisch und lebendig.
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

Diese Rezension bezieht sich auf die neunte Auflage, der Taschenbucherstausgabe Mai 2009.

Was mir an diesem Buch besonders gefällt, ist der zugrunde gelegte Aufbau. Die persönlichen Eindrücke aus einem ungewöhnlichen Bewerbungsgespräch (oft finden diese ja in schmucklosen Büros oder Besprechungsräumen statt, und nicht in Nobelhotels an hübschen Stätten auf dieser Erde) führten bei der Verfasserin dazu, sich mit dem Thema "Elite" grundsätzlich auseinander zu setzen.
Im Buch werden die einzelnen Beobachtungen, Gespräche und Gedanken von der Autorin, ähnlich einer Reisebeschreibung, gekonnt aneinandergereiht. Wie bei einer Erzählung werden so Fragen miteinander verknüpft, Argumente abgewogen oder Folgerungen gebildet. So bindet die Autorin den Leser bei der Suche nach Erkenntnis und Wahrheit gekonnt mit ein. Einhergehend mit einer lockeren, modernen Art zu formulieren läßt sich das Buch flott lesen und man behält am Ende eines jeden Kapitels den Hunger auf das nächste. Ganz interessant waren für mich die Einblicke in die Welt der privaten Bildungseinrichtungen und die Argumente jener dort studierenden und lehrenden Personen.
Viele der positiven Beobachtungen anderer Rezensenten kann ich bestätigen und bekräftigen. Für meinen Geschmack allerdings erinnern manche Formulierungen an unbeholfene Artikulationsversuche eines selbstdarstellerischen Personenkreises (z.B. Beamer, Pool, Statement, Muskelshirt, gerankt usw. - so reden vielleicht manche Berater, aber so einen sprachlichen Sondermüll schreibt man einfach nicht). Ebenso fehlt für mich in dem Buch ein logischer Teil, in welchem gedanklich reflektierend auf den Begriff "Elite" an sich eingegangen wird. Ständig befindet man sich auf der Suche bei anderen Personen oder Einrichtungen nach der Deutung des Begriffs.
Es scheint mir bei der Lektüre logisch, daß es wohl mehrere bzw. unterschiedliche Eliten geben muß (bspw. im Kapitel "Die Besten oder die Reichsten" oder "Die alternative Elite").
So wird meines Erachtens herausgearbeitet um berechtigtes Mitglied einer Elite zu werden, kann man eigentlich nur durch Anerkennung von anderen Koryphäen auf dem jeweiligen Fachgebiet dazu erhoben werden. Es hängt vor allem davon ab, ob das Wirken einer Person die Gesellschaft weiterbringt oder nicht. Diese Form der Elite verdrängt man aber gern, denn man kann nicht geplant Zugang zu ihr finden.
Daher gehen wohl auch bei kaum einem der momentan aktiven Politiker solche Werke hervor, wie sie seinerzeit M.T. Cicero, J. Locke, usw. verfaßten. Selbst in der Praxis sind die heute wirtschaftlich und politisch Mächtigen eigentlich kein anzustrebendes Vorbild. Es handelt sich dabei vielmehr um eine vermeintliche Elite. Um hier dabei sein zu können muß der Elitebegriff gewissermaßen dehnbar bleiben. Dieser Umstand, finde ich, wird im Buch ganz gut herausgearbeitet. Für diese Art der Elite existiert das System der Elite und diese Elite lebt für dieses System. Deshalb bin ich auch der Auffassung, die Angehörigen dieser Gruppe werden ihre Position weiter festigen und verteidigen wollen. Die 150.000 USD Jahresgebühren fuer ein MBA Studium an der Harvard Business School (Quelle: aktuelle Reklame aus dem Manager Magazin) werden wohl seltener dafür investiert, ein bedeutender Wirschaftswissenschaftler (vom Schlage A. Smith, J.M. Keynes, J. Schumpeter) zu werden, sondern eher um Zugang ins gut dotierte Führungsgremium eines bedeutenden Konzerns zu bekommen.
Eine ganz besondere Aktualität gewinnt das Buch durch die gewachsene Bedeutung der kapitalintensiven, frühkindlichen Bildungsangebote. Jene wurden erst nach dem Erscheinen des Buchs vermehrt in Deutschland diskutiert (erste Hälfte des Jahres 2010). Doch erst in einigen Jahren wird man feststellen können, welchen Nutzen es für die Gesellschaft gebracht hat.
Vor diesem Hintergrund ist es fast schon unglaublich, daß ein solches Werk einer ganz gewöhnlich ausgebildeten Person gelungen ist. Für meinen Teil halte ich das Buch für eine Bereicherung und kann so auch über die abscheuliche neudeutsche Ortographie hinweg sehen. Diese tolle Leistung verdient meiner Meinung nach 5 Sterne und die bekommt es von mir auch.
Eine Rezension von Martin Rastetter "rasti" > Baden-Württemberg
vom 22. August 2010
Kundenrezensionen:
95. Ausgezeichnet, frisch und lebendig. (die aktuell angezeigte Rezension)
94. Auf der Suche nach elitären Idealen oder einer idealistischen Elite?
93. Was sind die entscheidenden Faktoren für Elite?
92. Gut!
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